"Meine Ideale sind ganz klar eingeübt."

Ulli (37 Jahre)

 

Athen, Archäologin, Mutter

 

Was bedeutet Schönheit für dich?

 Wenn es um Schönheit bei Frauen geht, werde ich am Ende sagen, dass Schönheit von innen kommt. Aber ich finde natürlich Symmetrie und Glattheit schön. So wurde man ja irgendwie auch erzogen. Es mag ja sein, dass die böse Hexe aus dem Märchen auch gute innere Werte hat, aber trotzdem finden wir sie ja nicht schön. Aber schön finde ich Frauen wie Nadja Auermann, Rachel Weisz. Das würde ich spontan dazu sagen. Vor den gängigen Schönheitsidealen kann ich mich nicht verschließen. Aber wenn ich länger darüber nachdenke, fallen mir ganz viele Frauen ein, vor allem in meinem Umfeld, die eben nicht so aussehen und die ich trotzdem als schön bezeichnen würde. Weil sie etwas ausstrahlen, weil sie coole Dinge tun, eine beeindruckende Persönlichkeit haben…

 

Was findest du an dir selbst schön?

Das hängt sehr von meiner Verfassung ab. Wenn ich müde und ausgelaugt bin, kann ich nur die roten Stellen im Gesicht sehen, die Augenringe, die strohigen Haare, hier ein Kilo zu viel, da eine Delle etc. Wenn es mir emotional gut geht und ich mich ausgeruht fühle, vielleicht auch ein wenig leichter, finde ich das Gesamtpaket absolut gut. Dennoch: vor der Schwangerschaft war mein Körper anders. Seitdem hat er sich sehr verändert und das finde ich wirklich schlimm. Es gab wenig, was ich an mir wirklich gut fand und deshalb bedauere ich das sehr. Meistens ist mir das alles aber nicht mehr so wichtig. Ich ärgere mich nur, dass ich immer so kritisch mit mir war. Ich habe gar nicht gesehen, wie schön und wohlgeformt ich war. Ich war immer sehr defizitorientiert.

 

Woher kommt dein kritischer Blick?

Meine Ideale sind ganz klar eingeübt. Niemand in meinem Freundeskreis hat jemals über sich selbst gesagt, dass er oder sie sich selbst schön findet. Das gehörte sich einfach nicht. Viele meiner Freundinnen aus meiner Jugendzeit sind über viele Jahre sehr unsicher gewesen, obwohl sie schon immer schlau und schön waren. Erst über die Zeit hat sich der Fokus verschoben und das Umsichselbstkreisen wird immer weniger. Man sagt aber eben einfach nicht über sich selbst: Man bin ich ne geile Sau. Guck mal, was ich für ein schöner Mensch bin. Es geht maximal, zu sagen, ich finde, in dem Kleidungsstück etc. sehe ich besser aus oder schlechter. Sowas eben.

 

Waren Diäten ein Thema für dich?

Ich habe zu Hause als Kind immer essen müssen, weil ich phasenweise sehr dünn war. Ich musste also zwei ganze Stullen essen zum Abendbrot, ob ich wollte oder nicht. Ich musste aufessen. Ich musste zu vorgegebenen Zeiten essen. Ich habe leider nie gelernt, auf meinen Körper zu hören. Ich habe kein Sättigungsgefühl. Das ging dann so weit, dass ich während meines Studiums zehn Kilo zu viel hatte. Ich habe mich so einfach nicht mehr wohl gefühlt und habe mit Weight Watchers angefangen. Ich habe innerhalb von drei Monaten zehn Kilo abgenommen und das Gewicht dann auch über zwei Jahre gehalten. Ich habe mich einfach so deutlich wohler und beweglicher gefühlt. Mittlerweile sind viele Jahre vergangen und ich habe die zehn Kilo wieder drauf. Ich merke das und es nervt mich sehr. (Noch nicht doll genug, um wirklich dagegen anzugehen.) Aber ich weiß, was ich tun muss, damit es geht. Dennoch wird abnehmen, je älter man wird nicht gerade einfacher.

 

Die Schwangerschaft und die Geburt deines Sohnes haben den Fokus verschoben. Gab es noch andere Aspekte in deinem Leben?

Die Schwangerschaft an sich hat mich nochmal auf meinen Körper zurückgeworfen. Mit dieser Urtümlichkeit musste ich wirklich lernen zurecht zu kommen. Ich habe während dieser Zeit allerdings überhaupt nicht auf mich geachtet und habe unglaublich viel gegessen. Und danach hatte ich große Schwierigkeiten mich und meinen Körper neu zu finden und einen neuen Style für mich zu finden. Alles, was mir bis dahin wichtig war, war plötzlich egal. Schmuck, knallige Farben, Tücher… Das brauche ich heut alles nicht mehr, um mich wohlzufühlen. Und das habe ich durch meinen Mann gelernt, dem so etwas schon immer total egal war.

 

„Alle 15 Minuten denkt eine Frau über ihren Körper nach. Es ist wie eine Eintrittskarte in unsere moderne Welt, sich um seinen Körper zu sorgen und ihn so zu konstruieren, dass er einen bestimmten Look hat.“ (engl. Psychologin S. Orbach) Ist das in deinen Augen realitisch?

Ich glaube, dass das leider stimmt. Ich hoffe natürlich, dass das bei mir weniger ist, glaube es aber nicht. Ich bin davon überhaupt nicht frei.

 

Würdest du sagen, dass du inzwischen eine gute Beziehung zu deinem Körper hast?

Ja, ich glaube schon. Die Schwangerschaft hat mir schon gezeigt, was für ein Wunder so ein Körper ist. Wozu er eigentlich da ist und was er alles kann.

 

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen, wenn du könntest?

Hör auf, dich permanent um dich selbst zu drehen. Mach Sport und schlaf genug! Tue deinem Körper Gutes!

 

Was ist wichtiger als das „Umsichselbstkreisen“?

Umweltschutz, mit meinem Sohn rauszugehen, mit dem Hund rauszugehen, draußen sein sowieso, Familie, Freunde, Sachen erschaffen… Eigentlich alles andere!