"Alles ist voller versteckter Aufforderungen, sich nach einer bestimmten Norm zu verhalten."

 

 

 

Isabella

ist 24 Jahre alt und studiert Germanistik und Philosophie und ist auf dem besten Weg Autorin zu werden

 

 

 

Was bedeutet Schönheit für dich?

 

Schönheit bedeutet für mich konkret bei einer Person, dass sie einerseits ihre eigenen Vorzüge kennt und andererseits aber nicht versucht ihre Nachteile zu verstecken. Schön ist eine Person außerdem, wenn sie zum Beispiel lacht und es auch so meint. Schön ist eine Person, wenn sie mit sich zufrieden ist und sich wohl fühlt.

 

 

 

Was findest du an dir schön?

 

Ich finde meine Lippen schön. An denen würde ich nichts ändern wollen. Ansonsten gibt es Momente, in denen ich mich insgesamt schön finde und mich wohl fühle in meiner Haut. Das sind Momente, in denen ich mit Menschen zusammen bin, von denen ich weiß, dass sie mich so akzeptieren, wie ich bin.

 

 

 

Was findest du an dir nicht so schön?

 

Ich habe große Probleme mit der Form meiner Augen. Und ich denke, dass das viel mit dem Rassismus zu tun hat, der mir immer wieder begegnet. Menschen wissen oft nicht, wie sie Fragen stellen können. Ich habe oft Fragen wie „Woher kommen denn die Schlitzaugen?“ gehört. Oder mir werden Grimassen geschnitten. Als ich noch jünger war, habe ich die Hässlichkeit dieser Grimasse auf mein eigenes Gesicht übertragen. Inzwischen tut das nicht mehr so weh.

 

Außerdem mag ich meine Narben an meinem Unterarm nicht. Ich habe in meiner Jugend geritzt. Die Narben sind eigentlich gar nicht so deutlich sichtbar, aber ich sehe sie und das reicht.

 

 

 

Sind Diäten ein Thema für dich?

 

Diäten waren sehr lange ein Thema, sind sie auch immer noch. Aber ich habe da jetzt einen anderen Blick drauf. Bis vor einem Jahr war es wirklich ein sehr relevantes Thema. Jetzt habe ich nur noch so Phasen, in denen ich mir dann Sorgen mache, wenn ich zu viel esse.

 

Als Kind war ich stark untergewichtig und wurde von meinen Eltern mehr oder weniger zum Essen gezwungen. Mit 16 Jahren habe ich dann Probleme mit der Schilddrüse bekommen und ab da wurde mein Gewicht für mich zu einem Problem. Ich habe damals an Literaturwettbewerben teilgenommen und stand deshalb oft auf der Bühne. Die Fotos, die dabei gemacht wurden, waren für mich furchtbar und ich habe angefangen mich auf einen Heimtrainer zu setzen. Zum Schluss saß ich teilweise 8 Stunden am Tag auf diesem Ding. Als ich dann nur noch 46 Kilo wog und umgefallen bin, wusste ich, ich muss die Notbremse ziehen.

 

Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich tatsächlich ein gestörtes Essverhalten. Ich habe wochenlang gehungert. Dann habe ich versucht normal zu essen und es ist ausgeartet und ich habe wieder begonnen zu hungern.

 

 

 

Gab es Menschen in deinem Leben, die dich in dieser Phase deines Lebens beeinflusst haben?

 

Auf der einen Seite gab es meine Mutter, die mir gesagt hat, dass ich zu dick sei. Es gab da ein einschneidenes Erlebnis für mich. Wir haben zusammen Sushi gegessen und meine Mutter hat mich dann dabei imitiert und dicke Backen gemacht, um mir deutlich zu machen, dass ich zu viel esse. Das war sehr verletzend.

 

Auf der anderen Seite wurde mir zum Beispiel in der Schule immer gesagt, ich solle doch mehr essen. Das war total konträr. Wie soll man da ein gesundes Körperbewusstsein entwicklen?

 

 

 

Wie ist es heute?

 

Die Einstellung zu meinem Körper hat sich während des Studiums verändert und ich habe begriffen, dass Schönheit auch was anderes sein kann. Ich habe Tanzkurse belegt und viele Mädchen getroffen, die ein ganz anderes Körperbild hatten. Sie entsprachen nicht dem propagierten Ideal und waren trotzdem so schön in meinen Augen, dass ich irgendwann aufgehört habe zu denken, ich sei nicht schön.

 

Mein Essverhalten heute ist mal besser und mal schlechter. Heute weiß ich aber, dass ich meinem Körper keine Leistung abverlangen kann, wenn ich ihm nur einen Salat am Tag gönne.

 

 

 

Haben wir aufgehört auf unseren Körper zu hören? Wissen wir eigentlich noch, was Hunger ist?

 

So pauschal kann man das nicht sagen, denke ich. Das hängt meiner Meinung nach davon ab, wo wir aufwachsen. Meine Mutter isst zum Beispiel ganz anders als meiner Vater, der aus Asien kommt und auch erfahren musste, wie es ist wirklich Hunger zu haben. Für ihn steht Nahrung absolut im Vordergrund und er plant morgens den ganzen Tag durch, damit er alles verwerten kann und nichts verdirbt. Meine Mutter hingegen macht sich übers Essen kaum Gedanken, außer dass sie vielleicht zu dick wird.

 

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich glaube, dass die mediale Darstellung von Essen dazu führt, dass Essen eigentlich ständig problematisiert wird. Ist es gesund? Ist es zu viel? Ist es zu wenig? Zu essen bis man einfach satt ist, wird einem als falsch propagiert. Man wird dazu erzogen sich stets und ständig Gedanken zu machen.

 

 

 

Was hälst du von Fernsehformaten wie GNTM?

 

Gar nichts. In meinen Augen ist das frauenverachtend. Für den Erfolg werden die Frauen und Mädchen dort gedrängt Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht machen wollen. Was wird denn da vermittelt? Erst wenn du deine eigene Schamgrenze überwindest, bist du etwas wert. Dann bist du tough.

 

Die Frauen sind in meinem Alter und sind wie ich mit der Barbie und einem Schönheitsdeal aufgewachsen, dem sie nachstreben. Und allen ist völlig klar, dass sie dafür zum Teil weit über ihre Grenzen gehen müssen. Die Auswirkungen auf jugendliche Mädchen sind groß. Mädchen lernen einem gewissen Standard zu entsprechen. Diese Standards und Schablonen müssen weg und nicht das Pölsterchen hier und das Pölsterchen da.

 

Die mediale Darstellung von Frauen nimmt zum Teil wirklich absurde Ausmaße an. Wenn man sich zum Beispiel die neue Unterwäschewerbung mit Irina Shayk anschaut, die überall in der Stadt plakatiert ist. Das beworbene Bralet ist durchsichtig. Man sieht aber keine Brustwarzen. Offensichtlich sind Brustwarzen neuerdings out und die ideale Frau von heute hat keine mehr.

 

 

 

Alle 15 Minuten denkt eine Frau über ihren Körper nach. Es ist wie eine Eintrittskarte in unsere moderne Welt, sich um seinen Körper zu sorgen und ihn so zu konstruieren, dass er einen bestimmten Look hat.“ (engl. Psychologin S. Orbach)

 

Alle 15 Minuten ist schon sehr extrem. Aber ich mache das schon auch häufig. Die Mode- und Nahrungsmittelindustrie hält einen ständig dazu an, sich mit anderen Frauen zu vergleichen. Alles ist voller versteckter Aufforderungen, sich nach einer bestimmten Norm zu verhalten.

 

 

 

Was müsste man ändern, um Frauen den Druck zu nehmen, unter dem sie sich heute behaupten müssen?

 

Man müsste die Castingshows abschaffen und aufhören Menschen dafür zu loben, dass sie singen, hopsen und dünn sind, sondern mal wieder intellektuelle Leistungen loben. Es müsste auch verboten werden, dass die Werbeindustrie sexualisierte Werbung überall in der Stadt aufhängt.

 

 

 

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen, wenn du könntest?

 

Ich würde ihm sagen, dass jeder gut ist, so wie er ist.