"Ich habe keine Zeit mehr für Belanglosigkeiten."

 

Dani

 

ist 41 Jahre alt, hat zwei Töchter

 

 

 

Was ist Schönheit für dich?

 

Interessanterweise ist es heute etwas anderes als früher. Ich bin jetzt 41 Jahre alt und die Sichtweise hat sich verändert. Früher hätte ich vermutlich klassische Schönheiten beschrieben. Wenn man aber älter wird, sieht man eher, dass es die Persönlichkeit ist. Was ich besonders schön und inspirierend finde, sind Leute, die eine positive Grundeinstellung haben. Es klingt abgedroschen, aber Schönheit kommt von innen. In sich ruhende, aufgeschlossene und anderen zugewandte Menschen sind einfach schön, weil sie sich ihrer selbst bewusst sind. Ich versuche das auch für mich zu übernehmen und Dinge dadurch anders zu bewerten. Mein Bauch ist wabbelig? - Na und, ich habe zwei tolle Kinder geboren.

 

 

 

Was findest du an dir nicht so schön?

 

Der Blick in den Spiegel ist nach wie vor eher kritisch und ich befürchte, dass sich das nicht so schnell ändern wird. Das eine, was mir immer wieder auffällt, wenn ich in den Spiegel schaue, sind meine müden Augen. Ich arbeite einfach zu viel. Daran könnte ich ja leicht was ändern. Das andere, was ich an mir nicht mag, sind meine Oberarme. Ich hasse meine Oberarme.

 

Wenn ich jedoch meine Oma anschaue, hoffe ich darauf, dass ich sukzessiv aufhören werde, mich so kritisch zu betrachten. Sie ist jetzt 86 Jahre alt und steht nicht mehr vorm Spiegel und macht sich darüber Gedanken, ob sie schön genug ist.

 

Glücklicherweise merke ich bei mir auch schon zumindest kleine Veränderungen, was das angeht. Ich zupfe mir zum Beispiel schon seit 5 Jahren nicht mehr die Augenbrauen. Ich habe einfach keine Zeit für solche Belanglosigkeiten und es interessiert mich einfach nicht mehr so wie früher.

 

 

 

Was findest du an dir schön?

 

Was ich total an mir mag ist der Bereich um meine Schlüsselbeine herum. Ehrlicherweise muss ich jedoch sagen, dass es die Knochen sind, die ich schön finde.

 

 

 

Wieviel Diäten hast du in deinem Leben schon gemacht?

 

Ich habe das beim ersten Mal in einer krassen und wirklich gesundheitsgefährdenten Art und Weise betrieben. Nachdem ich diesen Prozess überstanden hatte, bin ich dann dazu übergegangen auf meine Ernährung zu achten und zum Beispiel nicht zu viel Zucker zu essen. Es gibt aber immer wieder Phasen, in denen ich sehr restriktiv unterwegs bin. Es ist und bleibt ein Dauerthema.

 

 

 

Kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du dich zu deiner ersten Diät entschlossen hast? Gab es einen Auslöser?

 

Nein,ich kann mich nicht konkret an den Moment erinnern. Aber ich war etwa 14 oder 15 Jahre alt. Ich wog damals so ungefähr 75 Kilo. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken über meine Figur gemacht. Ich war zufrieden. Ich war kräftiger als andere, aber das war für mich okay. Und dann habe ich mich verliebt. Ich war schüchtern und gehörte nicht zu den populären, coolen Leuten und begann mich zu fragen, ob das vielleicht etwas mit meinem Gewicht zu tun hat.

 

Ich habe angefangen Sport zu machen. Ich habe jeden Abend in meinem Zimmer auf dem Boden gelegen und bin mit den Beinen Rad in der Luft gefahren. Eine Stunde lang. Jeden Abend. Und danach habe ich noch Bauch, Beine, Po trainiert. Eine weitere Stunde lang. Parallel habe ich angefangen weniger zu essen. Ich habe morgens eine Schale Cornflakes, mittags einen Apfel oder eine Banane und abends eine Scheibe Brot mit Ei oder Käse gegessen. Und es begann so eine Eigendynamik zu entwickeln. In der Schule habe ich immer versucht das Magenknurren zu unterdrücken. Zum Schluss habe ich 49 Kilo gewogen.

 

 

 

Wie hast du die Zeit empfunden, in der du so stark abgenommen hast?

 

Ich habe mich super gefühlt. Mir ging es gut bis zu dem Punkt, an dem es anfing körperliche Konsequenzen zu haben und ich häufiger umgekippt bin. Im Nachhinein betrachtet war das Schlimme aber, dass das, was ich erreichen wollte, auch funktioniert hat. Plötzlich gab es mich als Person für die anderen. Ich habe die Anerkennung bekommen. Ich rede mir heute noch ein, dass es daran lag, dass ich vielleicht mehr ausgestrahlt habe, weil ich mehr Selbstbewusstsein hatte. Es kann doch nicht sein, dass die Anerkennung nur damit zusammen hing, dass ich weniger wog. Ich war doch der gleiche Mensch.

 

 

 

Was hat dich zum Umdenken gebracht?

 

Da gab es zwei Momente! Ich habe damals auch Abführtee getrunken, damit mein Bauch noch flacher ist, als er ohnehin schon war. Als mein Opa das mitbekommen hat, hat er mich gefragt, warum ich das tue. Der andere Moment war, dass meine Oma bemerkt hat, dass ich den Kuchen, den sie mir gebacken hatte, in den Müll geworfen hatte. Ich hatte ihn nicht gegessen. Und sie hat gesagt, dass sie mich nicht mehr sehen will, wenn ich so weiter mache. Und das hat sie sehr ernst gemeint. Sie wusste, dass sie die Reißleine für mich ziehen musste.

 

 

 

Heute werden oft die Medien für die gestörte Körperwahrnehmung von Mädchen und Frauen verantwortlich gemacht! Haben Medien zu deiner Zeit auch schon eine Rolle gespielt?

 

Es hat sicherlich eine Rolle gespielt, aber es hat nicht die Rolle gespielt, wie Medien es heute tun. Was damals wichtig war, war die BRAVO. Und im Fernsehen liefen zwar auch Serien wie Baywatch, in denen man Frauen mit Wahnsinnskörpern gesehen hat, aber die hatten wenigstens noch weibliche Körper mit Kurven.

 

 

 

Wie schätzt du die Macht der Medien heute ein?

 

Das Problem ist die Omnipräsenz dieses Themas. Das reicht auch in andere Bereiche rein. Denken wir nur mal an Spielzeug oder auch Kinderkleidung.

 

Besonders erschreckend fand ich, als ich mir in Vorbereitung auf dieses Interview mal die Titelcover von Frauenzeitschriften angesehen habe. Auf jedem, auf wirklich jedem war das Thema Diät zu finden. Das Schlimme daran ist, dass wir als Frauen alle stillschweigend diesen Vertrag schließen und unseren Körper, unseren Wert und unseren Intellekt verraten, in dem wir uns auf etwas reduzieren lassen.

 

 

 

Alle 15 Minuten denkt eine Frau über ihren Körper nach. Es ist wie eine Eintrittskarte in unsere moderne Welt, sich um seinen Körper zu sorgen und ihn so zu konstruieren, dass er einen bestimmten Look hat.“ (engl. Psychologin S. Orbach)

 

Alle 15 Minuten? Das ist ja schon häufig. Aber es findet schon oft am Tag statt. Ein Beispiel ist folgendes. Ich stehe auf und ziehe an meinem Gürtel, um ihn so zu positionieren, dass es nicht unvorteilhaft wirkt, dass kein Fett rüberhängt. Unterbewusst passiert da, glaube ich, leider eine ganze Menge.

 

 

 

Was hälst du von dem neuen Gesundheitstrends a la Detox? Ist das nicht nur eine weitere Diät im Gesundheitsdress?

 

Ich kann nichts Negatives daran finden, wenn man den Gesundheitsaspekt in den Vordergrund stellt. Diese neue Sicht auf das eigene Körpergefühl hat auch positive Seiten. Wir müssen uns jetzt auch nichts vormachen. Es gibt natürlich auch Menschen, die sich maßlos verhalten und ein etwas gesünderes Gefühl für den Körper angezeigt wäre. Aber wo ist überhaupt die Grenze? Wo ist die Grenze zwischen dem gesunden Körpergefühl und dem Zuviel? Zu viel Sport, zu viel Gewicht und so weiter.

 

 

 

Wem steht das zu das einzuschätzen?

 

Das steht höchstens einem Arzt zu, weil vielleicht irgendwelche Werte schlecht sind. Und es steht mir selbst zu. Niemandem sonst.