"Plötzlich zählten scheinbar meine inneren Werte und das konnte ich gar nicht annehmen."

 

Bea,

ist 42 Jahre, ehemalige Leistungsportlerin und Mutter eines Sohnes

 

 

 

Was ist Schönheit für dich?

 

Für mich ist Schönheit nach all den Jahren leider immer noch ein ganz oberflächlicher Begriff. Es geht dabei ausschließlich um Schönheit von außen. Gepflegte, schön geschnittene Haare und eine schlanke Figur.

 

 

 

Was findest du an dir schön?

 

Gar nichts! Null! Null! Null!

 

Bis zur Geburt meines Sohnes hätte ich gesagt, dass mein Gesicht schön ist. Dann habe ich aber 40 Kilo zugenommen. Und es waren höchstens noch meine Haare, die ich schön fand. Jetzt leide ich an Diabetes und meine Haare fallen mir aus. Jetzt habe ich nichts mehr. Nichts! Meinen Körper würde ich am liebsten rausschneiden!

 

 

 

War dein Blick auf dich selbst schon immer so kritisch?

 

Ja, das war schon immer so.

 

Als Baby und Kleinkind war ich aus gesundheitlichen Gründen eine sehr schlechte Esserin und unterernährt.Nachdem diese Situation ausgestanden war, konnte ich normal essen und meine Eltern waren über meine schnelle Zunahme mehr als glücklich. Meine ganze Grundschulzeit war ich eher mollig. Das regulierte sich aber, als ich mit 13 Jahren als Handballtalent entdeckt wurde und sehr hochklassig gespielt habe. In dieser Zeit hatte ich ein recht entspanntes Verhältnis zu meinem Körper.

 

Ich habe einige Jahre später dann meinen damaligen Freund kennengelernt, der in der Modebranche tätig war. Wir haben zusammen ein Label aufgebaut und ich habe meine Zeit viel auf Messen und bei Fotoshootings verbracht, um die Klamotten zu präsentieren. Ich lernte Leute vom Fernsehen kennen und habe dort vor und hinter der Kamera gearbeitet. Zu der Zeit habe ich zwar auf mein Gewicht geachtet, aber es war kein Problem für mich.

 

 

 

Wann hat sich dein Verhältnis zu deinem Körper verändert?

 

Ich lernte irgendwann einen neuen Mann kennen, der dabei war Karriere zu machen. Mit nur 24 Jahren war er sehr erfolgreich und hat mich damit wahnsinnig beeindruckt. Und ich wollte ihm gefallen. Ich habe meine Arbeit beim Fernsehen und auch meinen Sport an den Nagel gehängt und mich voll und ganz auf mein Studium konzentriert, um auch erfolgreich zu sein.

 

Ich habe relativ schnell merken müssen, dass es ihm sehr wichtig war, wie ich aussah. Wenn ich Süßigkeiten gegessen habe, hat er mich ermahnt und manchmal zwei Tage lang nicht mit mir gesprochen. Zu einem Ball hat er mich nicht mitgenommen, weil er mich nicht schön genug und nicht gesellschaftsfähig fand. Er hat von mir erwartet, dass ich schön, schlau und erfolgreich bin und mich nebenbei auch noch um seine Belange kümmere. Und ich habe versucht seinen Ansprüchen zu genügen. Jeden Tag! Elf Jahre lang. Als er angefangen hat mich zu schlagen, zu treten und ich mit Blutergüssen im Krankenhaus war, wurde mir klar, dass etwas nicht richtig ist. Ich habe gefühlt, dass es etwas ganz falsch läuft. Ich kannte das schon aus meiner Kindheit. Und das Kind von früher hat die Situation dann akzeptiert. Wenn er mich schlug, war mein Gedanke: „Ich habe es übertrieben.“ Ich habe also jeden Tag passende Schuhe, Kleidung, Fingernägel gehabt. Ich war immer perfekt frisiert und geschminkt und habe heimlich gegessen. Auf dem Weg zum Fitnessstudio habe ich mir beim Bäcker fünf, sechs Puddingteilchen gekauft, habe sie in mich reingestopft und dann wieder abtrainiert.

 

 

 

Du bist heute zum Glück nicht mehr mit ihm zusammen! Wie hat das dein eigenes Körperbild verändert?

 

Die erste Zeit nach unserer Trennung war zwar schwer für mich, aber ich habe es genossen endlich mal wieder ohne schlechte Gewissen zu essen. Nach elf Jahren habe ich das erste Mal wieder einen Burger gegessen. Und das war toll. Ich nahm zwar etwas an Gewicht zu, aber es war okay. Ich kam zurecht und mir ging es gut mit mir und meinem Körper.

 

 

 

Inwiefern hat deine Schwangerschaft Einfluss gehabt?

 

Neben meinem jetzigen Mann, der mir immer vermittelt hat, dass es vollkommen okay ist, wenn ich esse, war die Schwangerschaft für mich eine weitere Legitimation einfach genussvoll zu essen. Leider wurde es sehr maß- und wahllos. Es war fast so, als müsste ich all das Essen nachholen, auf das ich jahrelang verzichten musste. Ich habe bis zur Geburt fast 50 Kilo zugenommen und ich habe nie Kritik bekommen von ihm.

 

Plötzlich zählten scheinbar meine inneren Werte und das konnte ich gar nicht annehmen. Mein ganzes Leben lang waren äußere Dinge das, was mich definiert hat. Mein Mann sagt mir oft, dass er mich liebt, so wie ich bin. Meine Freunde sagen mir beinahe täglich, wie schlau und schön ich bin. Aber ich schaffe es bis heute nicht das auch zu sehen und zu fühlen. Ich schaue in den Spiegel und denke „Ich kotze gleich.“ Die Erfahrungen meines Lebens haben tiefe Narben hinterlassen.

 

 

 

Wirst du von Frauen für deinen Körper kritisiert?

 

Als Kind wurde ich von meiner Mutter darauf hingewiesen, dass ich zu dick sei und sie hat jeden Tag für mich Kalorien gezählt. Auch heute noch kommentieren sie und auch meine Schwester meinen Körper, wenn sie mich sehen.

 

 

 

Alle 15 Minuten denkt eine Frau über ihren Körper nach. Es ist wie eine Eintrittskarte in unsere moderne Welt, sich um seinen Körper zu sorgen und ihn so zu konstruieren, dass er einen bestimmten Look hat.“ (engl. Psychologin S. Orbach)

 

Ja! Definitiv! Wann immer ich meine Zeit mit Frauen verbringe, wird die eigene Figur und die Unzufriedenheit damit zum Thema gemacht. Und es sind Frauen mit ganz unterschiedlichen Figuren. Auch die schlanken Frauen denken ständig darüber nach. Essen, Sport, Kleidung, fit sein.

 

Das ist ein Phänomen unserer Gesellschaft. Die Frauen haben sich in der Arbeitswelt emanzipiert und haben trotzdem noch all die Aufgaben, die sie früher auch hatten. Als Frau steht man heute unter wahnsinnigem Druck. Wir gehen arbeiten. Und dann bleibt aber noch der ganze Rest. Die Kinder, der Haushalt, Familie, Freunde und ganz vielleicht auch noch die eigenen Bedürfnisse. Das lastet in vielen Fällen alles auf den Schultern der Frauen. Und wer da nicht fit und schön ist, kann halt nicht mithalten. Das ist doch die landläufige Meinung. Ich mache das nicht. Ich kann das auch nicht und ich will das auch nicht. Ich habe es so satt.

 

 

 

Wie ist dein Verhältnis zum Essen heute?

 

Ich habe nach wie vor ein sehr problematisches Verhältnis zum Essen und auch zu meinem Körper. Ich habe es nie wirklich gelernt mich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Von Anfang an stand ich unter wahnsinnigem Druck und war nie selbstbestimmt, was meinen Körper angeht. Selbstwertgefühl wurde mir nie vermittelt, sondern immer nur genommen. Auch wenn ich schon vor einigen Jahren diese sehr ungesunde Beziehung zu diesem Mann beendet habe, kämpfe ich noch immer mit den Folgen. Ich sehe mich kaum im Spiegel an, hasse es diesem Körper Kleidung anzuziehen oder mich um ihn zu kümmern.

 

Manchmal bin ich froh, dass ich einen Sohn und kein Tochter habe. Ich habe nie gelernt mich und meinen Körper zu lieben und ich könnte das gar nicht vermitteln. Ich weiß einfach nicht, wie das geht.

 

 

 

Warum unterstützt du unser Projekt?

 

Ich glaube, dass die meisten Frauen ein Mordspaket mit sich herumschleppen und mit sich selbst hadern. Ich finde es einfach wichtig und auch schön, dass andere Menschen erfahren, wie es diesen Frauen geht. Es fällt mir schwer meine Geschichte zu erzählen, aber es tut auch gut und befreit.